10 Dinge, die ich als Grazerin in Wien vermisse

  1. Okay, let’s start with the most obvious: Tribeka! Das Grazer Kaffeehaus ist eine Institution in der Stadt an der Mur. Alt und jung, Familien, Studenten, Geschäftsleute – alle holen sich an einem der vier Standorte ihre tägliche Dosis Kaffein. Die Lokale sind modern, aber gemütlich, man darf sitzen bleiben so lang man will (auch ohne Konsum, weil Selbstbedienung) und die großen Fenster bringen eine helle Arbeitsatmosphäre. Außerdem gibt es genug Plätze, sodass es, selbst wenn es sehr voll ist, man sich noch immer irgendwo dazu setzen kann (natürlich nur in pre-Corona-Zeiten). Diesen Typ Kaffeehaus hat Wien leider, in dieser Dichte, nicht. Die alten Wiener Kaffeehäuser sind zwar auch eine Institution und man liebt und schätzt sie, allerdings nimmt man dafür Dimmlicht und räumliche Enge in Kauf. Ein paar mehr Tribeka-ähnliche Cafés würden Wien nicht schaden!
  2. Wenn der Herbst anbricht und es in Wien kalt, windig und regnerisch ist, wünsche ich mir eigentlich nur eines: Maroni-Standln. In Graz ist pünktlich mit Herbstbeginn auch die Maroni-Saison eröffnet. Kaum zu übersehen noch dazu, ist in der Innenstadt doch mindestens alle 500 Meter ein Stand. Und die verkaufen auch nur Maroni. In Wien stehen die Maroni-Standler aber oft nicht exklusiv für Maroni, sondern sie bieten beispielsweise auch Erdäpfel-Puffer an. Jedes Jahr wieder weiß ich also, dass ich für mein qualitativ hochwertiges Maroni-Erlebnis nach Graz muss!
  3. Vegetarische Restaurants, die nicht hoffnungslos überteuert sind. Obwohl Graz in dem kleinen Land Österreich auch nur die, nach Einwohnern, zweitgrößte Stadt ist, kann sie mit einem großen gastronomischen Angebot aufwarten. Das Café Erde, die Scherbe oder Ginko bieten unglaubliche gute und vor allem preiswerte vegetarische und vegane Speisen an. Wo man in Wien durchaus öfter suchen muss oder längere Wege zum nächsten passenden Lokal auf sich nimmt, hat man in Graz die Qual der Wahl – und das alles in einer Stadt, die nur ein Viertel der Fläche von Wien misst.
  4. Graz hat ein Kaufhaus, dass Generationen überlebt hat. Kastner & Öhler nämlich, mitten in der Innenstadt. Auch wenn es sehr edel und teuer wirkt, ein Besuch in dem mehrstöckigen, alten Gebäude lohnt sich. Man kann nicht nur durch die vielen verschiedenen Abteilungen schlendern (aufpassen, nicht die Orientierung verlieren!), sondern auch ins höchste Stockwerk, um im Café Freiblick auf die Terrasse zu gehen und einen tollen Blick auf den Schlossberg und die Dächer der Stadt zu werfen. Irgendwie ist der Besuch bei K&Ö Standard bei einem Graz-Besuch, es fühlt sich ein bisschen wie Heimkommen an. Und man weiß: Das wird auch noch weitere Generationen überleben.
  5. Wo wir schon bei Ausblicken sind: Der lässt sich auch vom Schlossberg aus sehen. Ein freier Blick in alle Richtungen von einem Berg, der mitten in der Stadt liegt – das ist auch für Grazer und Grazerinnen eine Besonderheit. Nicht nur Touristen nehmen die Berg-Erklimmung (entweder sportlich zu Fuß, mit der Schlossbergbahn oder mit Lift) auf sich, auch die Einheimischen genießen nach der Besteigung diese “Oase” mitten in der Stadt. Denn auch wenn sich viele Menschen auf den Weg nach oben machen, verläuft es sich am Berg (im wahrsten Sinn des Wortes) und man findet immer ein Platzerl, wo man in Ruhe lesen, picknicken oder Sport machen kann. Wien hat diese Entspannung mitten in der Stadt leider nicht zu bieten, und so freue ich mich jedesmal wieder auf den “Schlossberg-Hatsch”.
  6. Die geografische und persönliche Übersicht in Graz wertschätzt man ab dem Moment, wenn man heimkommt, und direkt jemanden in der Bim sieht, den man von früher kennt. Das war ursprünglich der Grund, warum ich Graz den Rücken gekehrt habe, aber nach einigen Jahren in Wien ist es doch auch schön, bekannte Gesichter zufällig auf der Straße zu sehen. Manchmal hat man das Gefühl, in Graz müsste man sich gar nicht verabreden, da läuft man sich zwangsläufig früher oder später wieder über den Weg. Obwohl Graz vielleicht bald schon eine halbe Million Einwohner zählen wird, hat es den Dorf-Charakter behalten.
  7. Apropos Dorf: Dazu zählt auch die Grazer Gemütlichkeit. Die Wochenenden, an denen Menschen in angenehmen Tempo durch die Herrengasse flanieren oder nach Arbeitsschluss die Sporgasse entlang gehen sind, seitdem ich in Wien bin, eine wahre Besonderheit für mich. Wenn man höchstens von Fahrrädern überholt wird, aber nicht von Menschen, die zum nächsten Termin hetzen. In Graz fühlt es sich immer ein bisserl langsamer an, und das ist schön.
  8. Ein richtiges Studentenleben. Ja! Bin das nur ich, oder gibt es in Wien einfach kein richtiges Studentenleben? In Graz ist das Studentenleben nicht zu übersehen. Viele Bars mit Happy Hours, junge Gründer und viele internationale Studierende. In Graz, hat man das Gefühl, wird das Studentenleben noch richtig zelebriert, während in Wien verzweifelt Facebook-Gruppen auf der Suche nach der nächsten Zusammenfassung durchforstet werden. Außerdem kann man in Graz bei Bedarf noch innerhalb von 30 Minuten torkelnd nach Hause finden, ohne Geld für ein Taxi ausgeben zu müssen. Für euch getestet und: I like! Dass gute Restaurants, Bars, und grüne Parks noch dazu fußläufig von jedem Campus aus zu erreichen sind, macht Graz wohl zu Recht zu einer beliebten Studentenstadt.
  9. Apropos junge, internationale Szene. In Graz ist meistens etwas los. Nicht in der Häufigkeit und in der Überangebot wie in Wien natürlich, aber dennoch genug, um aus dem Haus zu kommen. Und daraus resultiert auch die pulsierende Kunstszene und viele junge Menschen, die sich trauen, etwas eigenes zu machen. DogdaysOfSummer, das Vintage-Label, ist so ein Beispiel. Da haben sich drei junge Studentinnen eines Tages zusammengetan und Stück für Stück ihre eigene Marke aufgebaut. Solche mutigen Menschen in einer Stadt motivieren, und will man etwas aufbauen, unterstützt man sich in Graz gegenseitig. Graz-Liebe!
  10. In Wien sucht man, in Graz findet man. Eindeutige Treffpunkte gibt es nur in Graz. Denn da weiß man, was es bedeutet, sich bei der Weikhard-Uhr zu treffen. In Wien ist es eher so: “Treff ma uns beim U3-Ausgang auf der Mahü? Ja, fix, weiter unten, also dort Nähe Haus des Meeres, äh links, warte, ich schick einen Standort” und nachdem man parallel telefoniert, winkt und via whatsapp dreimal seinen aktuellen Standort teilt, hat man sich dann vielleicht gefunden. In Graz verläuft man sich höchstens am Jakominiplatz, und selbst da findet man schneller zum Ziel, als beim Schottentor, der Mahü oder Volkstheater. Ein Hoch auf die Kleinstädte!

Liebe Lisa,

No feeling is final.

Du hast das Wort um eine spätnächtliche Uhrzeit ergriffen. Ich kann es dir sagen, es ist 01:03 Uhr. Du sitzt vor einem Bildschirm und tippst einen neuen Blogeintrag. Das kam in den letzten Monaten selten vor. Die Tasten zu bewegen und die Buchstaben zu verfolgen, wie sie einer nach dem anderen erscheinen.

Brief an mich, letter to myself, picture of me



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